Schule in der Klinik: Mit dem Laptop am Bettrand

Es ist schon eine ganz besondere Schule, die da im Neuenheimer Feld zuhause ist. "Zuhause" ist allerdings nicht ganz das richtige Wort. Denn: "Wir sind eine Schule ohne Haus", bringt Rektorin Heinke Richter eine Besonderheit der Klinikschule auf den Punkt.

Eine Stunde Einzelunterricht pro Tag

Die Klinikschule ist eine staatliche Schule für kranke Kinder unter dem Dach des Universitätsklinikums. Der Stoffplan orientiert sich zwar grundsätzlich an der Heimatschule. Aber an einen "geregelten Unterricht" ist natürlich nicht zu denken. Da gibt es nämlich den Klinikalltag, Untersuchungen, Therapien und vieles andere mehr, um die herum der Unterricht organisiert werden muss. Trotzdem schreiben viele der Klinikschüler die Tests und Arbeiten ihrer Heimatschule mit. Die Arbeiten werden dann von dort nach Heidelberg gefaxt und dann wieder zum Korrigieren zurück.

Computer als Draht zur Welt

Rund eine Stunde Einzelunterricht, teils am Bett, haben die Schüler der Klinikschule am Tag. Das wird aber ergänzt durch Lehrmaterialien, Bücher und Laptops, so dass die Jungen und Mädchen auch selbstständig weiter arbeiten können. Der Computer wird dann schon mal für sie eine Art Draht zur Welt. Die Klinikschule hilft auch, Zukunftsperspektiven zu entwickeln für die Zeit nach der Klinik. Das ist gar nicht immer so einfach. Viele haben Angst, wenn sie lange weg waren, wieder in ihre alte Klasse zu kommen. Deshalb gehen Klinikschul-Lehrer wie Adalbert Heringer oder Ulrike Junker in solchen Fällen einfach mit. Sie sprechen mit den Mitschülern, erklären ihnen die Krankheit und geben Tipps, wie sie ihrem Kumpel helfen können, damit er wieder fröhlich lachen kann.

Was ist eigentlich eine Klinikschule?

Von Tania Christiansen (11 Jahre)

Stell dir vor Du bist so krank dass Du ins Krankenhaus musst, und Du Dir denkst: "Mir ist es zu langweilig einfach im Bett zu liegen. Meine Freunde haben Schule und ich nicht! Wieso kommt nicht einfach ein Lehrer und bringt mir was bei?" Dann gehen deine Eltern zur Direktorin Heinke Richter und Du bekommst Unterricht. Deine "richtige" Schule berichtet der Klinikschule vom Unterricht, die Deine Klasse hat. Deine Lehrer im Krankenhaus machen dann fast das gleiche, aber hauptsächlich unterrichten sie Hauptfächer wie Mathe, Deutsch und Fremdsprachen. Damit kommen wir jetzt zum Tagesablauf eines Kindes, das im Krankenhaus liegt: Nach dem Schlafen bekommt es Frühstück und dann kommt entweder der Arzt oder Besuch, aber es kann auch ein Lehrer kommen. Dann heißt es lernen! Die Lehrer sprechen mit ihm über seine Probleme, schreiben Klassenarbeiten und Tests, machen Projekte mit anderen Kindern in freien Räumen, bringen ihm neue Sachen bei, und beachten stets ob es zu erschöpft ist zum Lernen. Manchmal muss der Unterricht unterbrochen werden, weil ein Arzt das Kind untersucht.

Wie funktioniert eine Klinikschule?

Von Malick Gohou (9 Jahre)

Die Klinikschule Heidelberg wird von kranken Kindern, die in der Universitätsklinik Heidelberg liegen, besucht. Zur Zeit nehmen etwa 50 bis 60 Kinder am Unterricht teil. Sie hat vierzehn Lehrerinnen und Lehrer. Das Kollegium ist so vielfältig wie die Schule in Deutschland. Es gibt Grundschul- und Sonderschullehrer, aber auch Lehrer aus der Realschule, der Hauptschule und dem Gymnasium. Die Lehrer dieser Klinikschule haben ein sehr persönliches Verhältnis zu ihren Schülern. Manche Kinder sind seelisch krank und deshalb vermitteln die Lehrer nicht so viel Lernstoff, sondern beschäftigen sich intensiv mit den Kindern. Zum Beispiel muntern die Lehrer sie auf, zeigen ihnen etwas von der Außenwelt oder spielen mit ihnen.


Enge Beziehung von Lehrer und Schülern

Manche Kinder können wegen ihrer Krankheit später nicht mehr auf ihre alte Schule zurück, weil sie auf Grund einer schlimmen Krankheit zuviel Lernstoff verpasst haben. Es gibt natürlich auch Kinder, die nach dem Besuch der Klinikschule besser als davor sind. Weil die Lehrer ein so enges Verhältnis mit den Kindern haben ist es für sie besonders traurig, wenn Kinder sterben. Für die verstorbenen Kinder gibt es zur Erinnerung einmal im Jahr einen Gedenkgottesdienst. Glücklicherweise verlassen aber die Mehrzahl der Kinder die Klinik gesund und gehen dann zu Hause wieder auf ihre Schule

Was macht das Lernen bei kranken Kindern schwierig und was hilft?

Von Lukas Mairon (11 Jahre)

Dass Lernen für kranke Kinder schwierig ist, hat mehrere Gründe:
1. Es gibt keine Tafel, an der man Themen veranschaulichen kann.
2. Es fehlen meistens Bücher und andere Lernmaterialien.
3. Der Lernstoff muss an die Heimatschule angepasst werden. Deshalb müssen die Schüler meist einzeln unterrichtet werden.
4. Bedingt durch die Krankheit und Medikamente kann es immer wieder vorkommen, dass der Unterricht unterbrochen werden muss (beispielsweise durch Kopfschmerzen oder Übelkeit, Erbrechen).
5. Oftmals können sich die Kinder nicht richtig konzentrieren, weil sie im Hinterkopf immer die Frage haben, ob sie je wieder gesund werden.

Der Kontakt zur Außenwelt

Die Lehrer versuchen immer, den Kindern in der Klinik den Zugang zur Außenwelt zu erhalten. Das heißt, dass sie Gegenstände der derzeitigen Jahreszeit mit in den Unterricht bringen, beispielsweise Äpfel im Herbst, Blumen im Frühling. Auch Freunde des kranken Kindes werden immer mal wieder eingeladen.

Interviews mit den Schülern der Klinikschule

Natascha findet lernen prima

Natascha ist zwölf Jahre alt und geht in die siebte Klasse. Ein Jahr ist es her, dass sich ihr Leben total verändert hat. Ihre Niere funktioniert nicht mehr und seither muss das Mädchen drei Mal in der Woche zur Dialyse (Blutwäsche) in die Kinderklinik der Heidelberger Universität. Für vier Stunden wird sie dann an eine Maschine angeschlossen. Durch lange Schläuche fließt ihr Blut und wird im Innern der Maschine gereinigt. Das tut zwar nicht weh, erklärt sie tapfer, aber manchmal nervt das schon. Da ist es prima, dass es eine Klinikschule gibt. Das lenkt einerseits ein bisschen von der Krankheit ab, hilft andererseits aber auch den Anschluss an den Stoff nicht völlig zu verlieren. Interviewt wurden Natascha und die anderen Patienten der Kinderklinik von Tania Christiansen, Lukas Mairon und Leonie König.

Rad fahren wäre ein Traum

"Mir wurde schlecht und schwindelig und irgendwann konnte ich nicht mehr laufen", so beschreibt Natascha den Beginn ihrer Krankheit. Jetzt hofft sie, dass sich irgendwann eine Spenderniere für sie findet. "Dann", so sagt sie, "könnte ich vielleicht wieder schwimmen oder Rad fahren". Natascha ist unheimlich froh, dass es die Klinikschule gibt. Sie geht zwar auch in Karlsruhe, wo sie wohnt, in die Schule, kriegt aber dort durch ihre Krankheit einfach nicht mehr so viel mit. So richtig vergessen kann die Zwölfjährige ihre Krankheit eigentlich nie. Auch das Leben daheim ist davon geprägt. Tomaten sind ebenso verboten wie Schokolade und Bananen. Ob es ihr nicht schlecht werde, wenn sie ihr Blut so durch die Schläuche fließen sieht, fragt Leonie. "Nö", meint Natascha, daran hat sie sich gewöhnt.

Dennis ist seit Geburt krank

Im Nachbarbett liegt der ebenfalls zwölfjährige Dennis. Auch sein Blut wird gerade gereinigt. Er kommt aus Edenkoben in die Heidelberger Kinderklinik. "Was machst du dann hier die ganze Zeit, damit dir nicht langweilig wird", will Tania wissen. "Die Oma ärgern", erwidert er und kichert. Krank ist Dennis seit seiner Geburt. Lange Zeit konnte er nichts essen und wurde künstlich ernährt.

Bei Kim-Alexander ist das anders. Vor einem Jahr wurde klar, dass er eigentlich eine Leber und eine Niere bräuchte. Da bisher keine Spenderorgane gefunden wurden, muss auch er vier Mal in der Woche an die Maschine. Essen darf er eigentlich alles, nur halt von allem nicht so viel. Nur Spinat ist strikt verboten, aber das findet er nicht wirklich schlimm. Plötzlich blinkt die große Maschine "Alarm Alert". Doch Kim-Alexander kennt das schon. Völlig cool drückt er auf's richtige Knöpfchen und der Alarm verstummt. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, als die anderen so richtig verdutzt drein blicken.

Mundschutz ist lebenswichtig

Durch das Tunnel-Gewirr, mit denen alle Kliniken im Neuenheimer Feld miteinander verbunden sind, geht es in die nächste Station. Mundschutz ist hier angesagt und die Hände müssen desinfiziert werden. Auch wenn das Mittel ziemlich stinkt. Wenn hier ein Schnupfen eingeschleppt wird, könnte das schlimme Folgen für die kleinen Patienten haben. Schließlich ist es gerade einmal drei Wochen her, dass der zehnjährigen Melanie eine Leber transplantiert wurde. Vor zehn Wochen haben die Ärzte herausgefunden, dass sie an einer schlimmen Krankheit leidet. "War die Wartezeit schlimm", will Lukas wissen. "Ja schon", bestätigt ihm Melanie. Die Schule im Krankenhaus findet sie richtig prima. Bis sie wieder in ihre alte Schule kann, wird es nämlich noch ein Weilchen dauern. Mindestens zwei Monate muss das Mädchen noch pausieren. Die Ansteckungsgefahr wäre viel zu groß.


Wer noch mehr über die Klinikschule erfahren will wendet sich an:
Klinikschule Heidelberg
Schulleitung
Im Neuenheimer Feld 150
69120 Heidelberg Tel.: 06221/ 568408
Fax.: 06221/565592
E-Mail: heinke_richter@med.uni-heidelberg.de


Fotos:
(1, 3, 4, 6, 7, 8) S. Zeeh
(2) S. Kresin
(5) D. Welker