EIN MINNELIED DES "VON WISSENLO"




Swer hînte der verholner minne hât gepflegen,
den wil ich warnen: es ist zît
der tac der schînet im wol leide ûf allen wegen.
Ez schadet, obe er langer lît;
und wizze daz, ez liehtet sêre
ûf sînen lip und ûf sîns reinen wîbes êre,
diu staeter tugende nie vergaz."

"Wer heutnacht heimlich mit seiner Geliebten sich traf,
Wird jetzt von mir gewarnt: es ist höchste Zeit (Abschied voneinander zu nehmen).
Der heraufziehende Tag wird ihm sonst großen Kummer bereiten.
Es ist nicht gut, wenn er noch länger auf dem Liebeslager verharrt.
Er vergegenwärtige sich doch: im hellen Licht der Morgensonne
Wird er sich bloßstellen, und vor allem wird das Ansehen seiner herrlichen Geliebten großen Schaden erleiden,
Die ihren guten Ruf noch nie aufs Spiel setzte."
Ûz süezem munde süezeclich ein saelic wîp
vil schône und zühteclîche sprach:
"wahter, mîn vil lieber friunt, getriuwer lîp,
uns füeget michel ungemach
daz wecken dîn; er ist mir schône,
der ie ranc nâch reinem werden wîbes lône,
entslafen an dem arme min."

Schön war der Mund und angenehm die Stimme einer liebenden Frau,
Die verständig und beherrscht sprach:
"Ach Wächter, mein allerbester Freund und treusorgender Beschützer,
Großen Verdruß bereitet uns Dein warnender Weckruf; (sieh doch) wie sanft ist er,
Der schon lange sehnsüchtig um den Liebeserweis einer edlen Frau sich bemühte,
An meiner Seite eingeschlafen."


"Als liep als iu iur êre sî und ouch sîn lîp,
Son 1ât sîn slâfen nû niht mê."
dô erschrac daz reine minneclîche wîp.
si sprach: "sô wê dir, tac, owê
daz dŽeinen man wilt von mir scheiden,
daz in kristenlîchen landen noch in heiden
wîp so lieben nie gewan."

"Wenn euch euer Ansehen und sein Wohlergehen am Herzen liegt,
Dann laßt ihn jetzt keinen Augenblick länger schlafen!"
Da erschrak die schöne, liebenswerte Frau.
Sie sprach: "Ach weh dir, Tag, ach weh!
Dass du mich gerade von diesem Mann trennen willst,
Obgleich doch auf dem ganzen Erdkreis
Noch nie eine Frau einen solchen Geliebten für sich gewann."