Der Herr der Schätze

Armin Schlechter hütet uralte Handschriften der Heidelberger Universitätsbibliothek

Dr. Armin Schlechter Wie ein echter Bücherwurm sieht er ja nicht aus. Dafür ist Dr. Armin Schlechter mit seinen 45 Jahren auch noch viel zu jung. Trotzdem ist er schon seit ein paar Jahren Chef der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Heidelberg und damit auch Herr über unermessliche Schätze. Allein die große Heidelberger Liederhandschrift, Codex Manesse genannt, müsste, wenn sie ausgeliehen würde, mit 50 Millionen Euro versichert werden.

Was macht das Kostbare daran aus? Für den gebürtigen Heidelberger ist es ganz klar die Einzigartigkeit. Selbst bei den Inkunabeln (Das sind Drucke aus der Frühzeit des Buchdrucks), von denen es in den Tresormagazinen der Bibliothek mehr als 50000 Stück gibt, trifft das zu. Denn früher war es üblich, dass der Leser alles Gedruckte mit Kommentaren am Rand versah, Notizen dazu schrieb oder etwas, was ihm gerade so einfiel.

Neben den Inkunabeln gibt es auch hunderte von wertvollen Handschriften und viele Erbschaften berühmter Gelehrter, die ihrer Uni Bücher und Schriften hinterlassen haben. Darin geht es um Religion, Recht, aber auch Astronomie und Medizin. Die ganze Palette des Lebens eben.

Damit auch ja nichts passiert, sind diese Schätze in ganz speziellen Räumen untergebracht. Alle sind feuerfest, voll klimatisiert und haben eine Alarmanlage. Ausgeliehen wird hier nichts. Nur wer eine solche Schrift für Forschungszwecke benötigt, darf im Lesesaal im Original blättert. Ob das Interesse berechtigt ist? Das entscheidet im Fall eines Falles dann der Chef.

Natürlich gibt es auch viele Anfragen von Museen, die für Ausstellungen ein besonders schönes Stück ausleihen möchten. Dann arbeitet er die Leihverträge aus und organisiert die Versicherung. Oft macht die Unibibliothek aber auch selber Ausstellung und dann müssen die schönsten Stücke zusammengestellt und ein Katalog geschrieben werden.

Viel gelesen hat Armin Schlechter eigentlich schon immer. Obwohl er sich in der Schule lange nicht entscheiden konnte, ob er nun Physik oder Geschichte spannender findet. Anders als viele seine Bibliothekarskollegen ist dieser Forscher auch ganz praktisch veranlagt. In seiner Freizeit schuftet er in seinem steilen Garten über der Rheinebene, züchtet Weinstöcke und Obstbäume und baut Gemüse an.

„Was mich interessiert hat, daran bin ich schon immer dran geblieben“, erinnert sich der Forscher, der seine dunkelbraunen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden trägt. Hartnäckig muss er auch in seinem Beruf sein, denn bis die Geschichte einer so alten Schrift entschlüsselt ist, geht oft ganz schön Zeit ins Land. Ein Buch wird darüber fast zu einer richtigen „Persönlichkeit“. Der Wissenschaftler findet beispielsweise heraus, wem es alles gehört hat, was für Leute das waren, wann das Werk verkauft oder beschädigt wurde.

Studiert hat der Forscher nach dem Abitur Deutsch, Geschichte und Mittellatein an der Heidelberger Uni. Dass das Mittelalter oft so als „dunkle Zeit“ ohne Kultur dargestellt wird, stört ihn, denn er findet besonders die „Zeitreise“ dorthin aufregend.

Nach dem Studium und der Doktorarbeit, hat er sich in der Landesbibliothek Karlsruhe erst einmal mit dem praktischen Teil rund um die Handschriften vertraut gemacht, bevor er dann die Ausbildung für den Höheren Bibliotheksdienst gemacht hat und schließlich zurück nach Heidelberg kam. Was macht Spaß an seinem Job? Der Umgang mit den alten Büchern, denen er so viel über ferne Zeiten entlocken kann, sagt er. Wenn sie ihm ihre Geschichte erzählen, dann wird ein Stückchen Vergangenheit wieder Gegenwart.