Von Thies Rudnik
Auch im alten Ägypten gab es Rituale, die eine besondere, oft religiöse Bedeutung hatten. Diese nachzuweisen erfordert großes Durchhaltevermögen, denn wenn man nur Hieroglyphen hat, sind die mühsam wortwörtlich übersetzten Texte oft unverständlich. Dazu kommt noch, dass die Hieroglyphen nicht mehr so gut zu erkennen sind, da sie entweder eingemeißelt oder auf Papyrus geschrieben und mit der Zeit verwittert und unleserlich geworden sind. Wenn dagegen nur Bilder vorhanden sind, kann man ihre Bedeutung oft nur erraten. Am Besten ist es, wenn Bilder und Schrift gleichzeitig vorhanden sind, da Text und Bilder zusammenhängen und eine Geschichte ergeben.
Jeden Tag geht der König in den Tempel, in dem sich eine bestimmte Götterstatue befindet. Er öffnet einen verschlossenen Schrank, verbeugt sich vor der Götterstatue, küsst den Boden und schwenkt Weihrauch. Diener rollen dann die Statue in einen Vorraum, waschen sie mit Wasser und ölen sie ein. Danach wird die Statue mit kostbaren Gewändern angezogen und
nimmt an einem Festmahl teil. Ihr werden Opfergaben und Essen zu Füßen gelegt. Es folgt die rituelle Mundöffnung der Statue: Man gibt ihr von dem Essen. Da die goldene Statue aber natürlich selbst keine Nahrung essen kann, verzehren nur der König und die Priester das Mahl.
Es gibt phantasievolle Darstellungen auf Papyrus und auf Amuletten, die ein neunköpfiges
Wesen auf der Grundlage des missgestaltigen Gottes Bes zeigen, der vor Unglück schützen und wilde Tiere vertreiben soll.
Diese Figur besitzt das Gesicht von Bes und weitere acht Tierköpfe, beispielsweise vom Stier, Löwen, Falken, Nilpferd oder Krokodil. Dazu hat die Figur vier Arme mit Flügeln und Augen. Die Hände halten verschiedene Waffen, etwa Speere. Unter den Füßen sind in einer großen Blase wilde Tiere eingezeichnet, vor denen Bes schützen soll: Schlangen, Krokodile, Wildhunde, Löwen und andere. Diese Bilder oder Figuren kamen bei den religiösen Ritualen zum Einsatz, werden aber auch heute noch gerne als Schmuck-Amulette getragen.