Wie haben Kinder in der Steinzeit gelebt?

Faustkeil

Die Steinzeit umfasst einen unglaublich langen Zeitraum. Insgesamt dauerte diese Epoche von 2,6 Millionen Jahre vor heute bis 4000 Jahre vor heute. Steinzeit wird diese Zeitepoche deshalb genannt, weil die meisten Werkzeuge der Menschen aus Stein waren. Die Steinzeit wird weiter unterteilt in die Altsteinzeit, die von 2,6 Millionen Jahren bis 11500 Jahre vor heute dauerte. Darauf folgt die Mittelsteinzeit, von 11500 bis 7500 vor heute, und dann die Jungsteinzeit von 7500 bis 4000 vor heute.

Speerspitze aus Knochen Am meisten weiß man natürlich über die Jungsteinzeit, weil aus dieser Zeit relativ viele Fundstücke erhalten geblieben sind. Wie Kinder gelebt haben, kann man auch nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, da es keine schriftlichen Überlieferungen gibt. Die stummen Fundstücke aus Stein, Knochen, Horn und Ton sozusagen zum Sprechen zu bringen, ist eine der schwierigsten Aufgaben der Urzeitforschung. Ab wann sich unsere Vorfahren in einer richtigen Sprache unterhalten haben, ist auch noch nicht vollständig geklärt. Man weiß zum Beispiel, dass die Neandertaler, die von 300000 Jahren bis vor etwa 30000 Jahren gelebt haben, sprechen konnten. Man hat nämlich im Schädel eines Neandertalers ein kleines Knöchelchen gefunden, das so genannte Zungenbein. Dieses Zungenbein braucht man, um so sprechen zu können wie wir.

Seit 40000 Jahren hat sich der Mensch von seinem Körperbau und seinem Äußeren her nicht mehr verändert. Das bedeutet, wenn heute ein Kind aus dieser Zeit bei uns auftauchen würde, Jeans, Schuhe und Pullover anhätte, die Haare schön gekämmt, die Fingernägel geschnitten und die Hände gewaschen, wir würden nicht merken, dass es aus der Steinzeit kommt! Natürlich könnten wir es nicht verstehen, wenn es mit uns sprechen würde. Denn die Sprache der Steinzeit kennt heutzutage keiner.

Was hat dieses Steinzeitkind den ganzen Tag gemacht?

Am Morgen

Fauskeil

Morgens ist es aufgewacht. Es lag unter einer schönen weichen Felldecke, wahrscheinlich an andere Kinder gekuschelt oder auch an die Mutter. Das "Bett" hatte bestimmt eine Art Matratze aus getrocknetem Gras. Dann ging es zum Bach sich waschen. Oder Erwachsene hatten vielleicht schon einen Lederbeutel voller Wasser gebracht. Sein Zuhause war entweder eine Höhle oder ein Zelt oder auch eine Hütte. Zu der Zeit waren die Menschen noch Nomaden. Das heißt sie blieben nie sehr lange an einem Ort, sondern zogen umher. Bestimmt kamen sie an die Lagerplätze, die besonders sicher oder besonders bequem waren, gerne wieder zurück. Das Kind hatte auch schon Kleidung an. Die war aus Leder.

Hagebutte Dann gab es Frühstück am Lagerfeuer. Einen Brei aus Wildkörnern, dazu Hagebuttentee. Inzwischen waren die anderen Kinder auch schon wach und lärmten im Zelt oder in der Höhle. Deshalb schickten sie die Erwachsenen nach draußen, um ihre Ruhe zu haben. Die Kinder durften sich aber nicht zu weit von der Höhle, der Hütte oder von den Zelten entfernen. Denn die Gefahr, von einem wilden Tier angefallen werden, war sehr groß. Zum Beispiel gab es bis ungefähr vor 20000 Jahren in unserer Gegend noch Höhlenbären, die bis zu drei Meter groß werden konnten. Auch Waldelefanten lebten hier, sie starben allerdings schon vor 110000 Jahren bei uns aus. Es gab aber Wölfe, Auerochsen, Rentiere, Wildschweine und viele andere gefährliche Tiere mehr.

Jagen, bauen und verstecken

Ein Lieblingsspiel der Kinder war sicher "Auf die Jagd gehen". Mit selbstgebauten Speeren jagten sie zum Beispiel ein "Wildschwein". Vielleicht musste eines der Kinder das Schwein sein und die anderen die Jäger. Oder sie erfanden das Tier einfach in ihrer Fantasie. Sie schlichen sich an, versteckten sich und stürzten sich dann mit lauten Jagdgeheul auf das Opfer. Gerne spielten sie auch "Ein Baumhaus bauen".Äpfel Hoch oben in den Wipfeln einer mächtigen Eiche hatten sie ihr Baumhaus gebaut. Behände kletterten sie den Baum hoch und runter. Vielleicht gab es in dem Baum auch Lianen. Dann schwangen sie sich wie Tarzan von Baum zu Baum. Sie sammelten Früchte, um sie gemütlich dort oben in luftiger Höhe zu verzehren.

"Verstecken" war sicher genauso beliebt wie heute, nur war es damals viel leichter ein gutes Versteck zu finden. Es gab genug Büsche und Bäume, Höhlen und Felsüberhänge. Allerdings mussten die Kinder aufpassen, dass sie nicht aus Versehen als Versteck den Schlafplatz einer Hyäne auswählten. Das hätten sie dann leicht mit dem Tod bezahlen können.

Ob damals schon das Ball spielen erfunden war? Gut möglich, aber solche Bälle bestanden dann aus leicht verrottenden Materialien wie Leder. Dass so ein Urzeitball bis heute überdauern könnte, ist sehr sehr unwahrscheinlich.

Sammeln und erinnern

Himbeere

Bald wurden sie von den Erwachsenen hergerufen. Im Herbst mussten sie ihnen helfen Beeren, Pilze und Nüsse zu sammlen. Im Frühjahr halfen sie beim Kräutersuchen und im Sommer beim Früchte und Wildgemüsesuchen. Wild wuchsen damals schon Möhren, Bohnen, Sellerie und Lauch. Die Kinder mussten sich die Stellen merken, wo ein reiche Früchte tragender Baum stand. Schließlich würde man im nächsten Jahr wieder kommen und je leichter man die guten Stellen wiederfinden konnte, desto besser.

Ganz bestimmt hatten die Kinder von damals einen viel besseren Orientierungssinn als wir. Wo der gute Apfelbaum im letzten Jahr gestanden hat, das wussten sie alle noch. Und wo die Männer im letzten Jahr den großen Wisent erlegt hatten, daran erinnerten sie sich noch genau. Mehrmals hatten sie die Stelle wieder aufgesucht, weil sie die Jagd und das, was danach passiert war, noch viele Male nachgespielt haben. Fast hätten drei Männer ihre Jagd nämlich mit dem Leben bezahlt. Denn durch den Blutgeruch war ein Wolfsrudel angelockt worden. Im letzten Moment hatten es die Männer auf Bäume geschafft, sonst wären sie zerrissen worden. Die Wölfe fraßen dann die Reste des Wisent auf und zogen sich satt und müde zurück. Erst nach einer langen Weile trauten sich die Männer wieder herunter vom Baum.

Mittags

Sauerampfer

Irgendwann war es Zeit zum Mittagessen. Die älteren Frauen, die nicht mehr so gut zu Fuß waren, waren in der Höhle geblieben. Ebenfalls die jungen Frauen mit sehr kleinen Kindern und die schwangeren. Sie haben eine Rehkeule mit Wachholderbeeren gespickt und über dem Feuer gebraten. Schon von weitem stieg den Kindern der köstliche Duft in die Nase und das Wasser lief ihnen im Mund zusammen. Dazu gab es einen Haselnuss-Wildmöhren-Sauerampfersalat. Da Sommer war, haben die Kinder Walderdbeeren gesammelt. Die gab es zum Nachtisch.

Bohrer aus einer Geweihspitze Nach dem Essen ruhten sich die Männer aus, die Frauen räumten auf. Manche Frauen setzten sich hin und besserten zerrissene Kleidungsstücke aus. Eine andere Frau, die schwanger war, bohrte mit einem Steinbohrer ein Loch in einen großen Eberzahn. Den hatte ihr ihr Liebhaber geschenkt. Sie wollte ihn als Kette um den Hals tragen. Ihre Freundin war dabei aus einer Wisentsehne ein feines Stück Faden zu machen. Daran sollte der Eberzahn später hängen. Die Kinder schauten entweder zu oder machten mit. Zum Beispiel bearbeiteten einige Frauen Tierhäute und schabten Fellhaare ab. Später würde das Leder mit Ocker gegerbt werden, damit es nicht steinhart wurde, sondern weich und biegsam blieb. Ein paar Kinder hockten sich zu den Frauen und bekamen einen kleinen Schaber in die Hand, damit sie mitarbeiten konnten. So lernten sie schon sehr früh, wie es ging.

Fährten lesen lernen

Ein paar Kinder versuchten, einen weiß haarigen Mann zu überreden, mit ihnen nach draußen zu gehen. Er war der beste Fährtenleser des Clans. Mit ihm zusammen den Boden nach Spuren abzusuchen, war ein großes Abenteuer. Welcher Hufabdruck welchem Tier zuzuordnen ist, wussten die Kinder längst. Aber wie alt das Tier war, wie schwer, ob es krank war oder Junge hatte, ob es sorglos war oder auf der Hut: all das konnte der alte Fährtenleser aus den Spuren lesen. Jedes Kind würde gerne später Fährtenleser werden. Das war eine angesehene Fähigkeit.

Speere herstellen

Speerspitze aus Holz

Den Wurfspieß treffsicher führen - wer das konnte, war sich ebenfalls großen Ansehens sicher. Schon früh übten die Kinder mit selbst gefertigten Speeren ein vorher bestimmtes Ziel zu treffen. Heute Nachmittag hatte ihnen einer der besten Jäger des Stammes versprochen, mit ihnen neue Speere herzustellen. Junge Bäume, die sich dafür eignen, hatten sie die Tage vorher schon ausgewählt. Heute sollten die Stämme geschlagen und grob bearbeitet werden. Die Gewichtsverteilung bei den Speeren vorne und hinten war unheimlich wichtig. Wie man das richtig hinbekam, wollte der Jäger ihnen heute zeigen.

Tiere zerlegen

Speerspitze aus Knochen

Plötzlich hörten sie einen lang gezogenen Ton. Das Signal für Beute! Einige junge Männer waren seid gestern unterwegs. Sie wollten ein Reh erlegen. Schon kamen sie den Hang hoch gelaufen. Der stärkste der Männer hatte das Reh über die Schultern gelegt. Es war erst vor kurzem gestorben. Der Wurfspieß steckte ihm noch im Hals und Blut tropfte aus der Wunde. Alle eilten herbei, um die glücklichen Jäger zu begrüßen. Für die Kinder gab es jetzt viel zu sehen. Wie man ein Reh zerlegte, das mussten sie schließlich lernen. Was man mit dem Blut machte und mit den Hufen. Wofür man die Ohren gebrauchen konnte und das Gedärm. Wie es im Inneren eines Tieres aussah, das erstaunte sie jedes mal von Neuem. Die uralte Frau, die bei ihnen lebte, die nur noch drei Zähne im Mund hatte, erklärte ihnen wieder und wieder, dass es im Inneren eines Menschen auch nicht viel anders aussah als im Inneren von Tieren. Das auch die Menschen ein Herz, eine Leber, Nieren, Magen, Därme und zwei Lungenflügel haben. Sie war die Heilerin des Stammes. Drei junge Frauen und ein Mann lernten bei ihr. Sie waren für die Heilkunde begabt, hatte die Alte gemeint. Doch welche Kräuter gegen Magenschmerzen waren, welche gegen Zahnschmerzen, welche Blut stillten und welche Pflanzen man auf keinen Fall essen durfte, weil sie giftig sind, das wussten die Kinder schon längst. Aber wie man einen gebrochenen Knochen heilen konnte, das wussten sie zum Beispiel noch nicht. Oder wie man half, wenn ein Kind zur Welt kam, davon hatten sie auch noch keine Ahnung.

Musik und gute Laune

Das Reh war schließlich zerlegt, und heute Abend sollte es schon gleich einen Rehbraten geben! So viel Fleisch an einem Tag! Das war selten. Doch wenn es schon einmal da war, warum warten? Da ertönten plötzlich lustige Klänge. Ein paar Frauen hatten ihre Flöten aus den Taschen geholt und bliesen eine fröhliche Melodie. Zeichen für die jungen Männer, denen das Jagdglück hold war, ihre Trommeln zu holen. Die Kinder jauchzten! Das würde bestimmt eine fröhliche Nacht! Einige Männer gingen nach draußen, um duftige Wachholderzweige zu holen. Dann roch der Rauch besonders würzig und das Tanzen ums Feuer machte dreimal so viel Spaß!

FaustkeilMüde und satt saßen die Kinder noch um das Feuer und lauschten den Geschichten der Alten. Zwar kannte sie diese schon in und auswendig, doch wie das Riesenmammut in die Grube gestoßen wurde und wie dann der Jüngste der Jäger ihm den Speer mitten ins Herz rammte, diese Geschichte verfolgte sie noch bis in ihre Träume.